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"Die Stiftung in der Beraterpraxis" widmet sich auch in der 4. Auflage ausführlich den Praxisfragen zur Stiftung.

Handbuch des internationalen Stiftungsrechts

Das "Handbuch des inter­­­nationalen Stiftungsrechts"

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Dr. K. Jan Schiffer

Dr. K. Jan Schiffer ist Wirtschaftsanwalt und berät seit 1987 vor allem Familienunternehmen, Stiftungen, Verbände, staatliche Stellen, …mehr

Loring Sittler zum Thema Corporate Social Responsibility (CSR) und "Zukunftsfonds"

Interview von Dr. K. Jan Schiffer (06/2011)

Loring Sittler, geb. am 10.3.1951 in Hancock/Michigan, U.S.A.Ausbildung: Studium der Anglistik, Geschichtswissenschaft und Politik in Freiburg und Gießen, Förderung durch die Studienstiftung des Deutschen Volkes.Berufliche Tätigkeiten: 1979 – 1992: Geschäftsführer beim Fortbildungswerk für Studenten und Schüler e.V., Bonn; 1995 – 2006: Projektleiter und Vertriebsleiter im Bereich Finanzdienstleistungen; 01.02.2006 – 31.07.2008: Tätigkeit in PR-Agenturen und freiberuflich; seit 1.8.2008: einer der beiden Leiter des Generali Zukunftsfonds.Ehrenamtliches Engagement: u.a. Schatzmeister im Förderkreis leukämiekranker Kinder, Bonn; 1992 Gründungsmitglied des Vereins zur Förderung politischen Handelns e.V. (Rechtsnachfolger des FWS); 1991 bis 2005 Gründungsvorsitzender des e.V. Jugend streitet, Initiator des Bundeswettbewerbs Jugend debattiert; 04.10.2005 Verleihung des Bundesverdienstkreuzes durch Horst Köhler.

loring.sittler(at)generali.de

www.zukunftsfonds.generali-deutschland.de

 

Lieber Herr Sittler, in der bunten Stiftungswelt sind Sie in einer besonderen Form unterwegs – mit einem „Zukunftsfonds“ Was verbirgt sich dahinter?

Der Generali Zukunftsfonds stellt eine meines Erachtens neue und ziemlich einzigartige Form der corporate citizenship, also des bürgerschaftlichen Unternehmensengagements dar: Strategisch und mit einer Spitze auf die Politik ausgerichtet, um die Beschleunigung gesellschaftlichen Wandels in Kooperation mit Staat und Zivilgesellschaft zu erreichen. Das bürgerschaftliche Engagement der GD ist also raus aus den Charity-Kinderschuhen und hineingewachsen in die Rolle eines gesellschaftlichen Changemanagers. Wir glauben, dass die Wirtschaft sich insgesamt viel mehr einbringen muss in die wachsende Bürgergesellschaft und damit einen hohen Nutzen stiften kann, nicht nur für den jeweiligen Standort, sondern auch für Deutschland insgesamt.

Man kann die Zweckmäßigkeit der gewählten Form nur danach beurteilen, welche Ziele verfolgt werden. Zunächst bekennt sich die GD in ihrem Ethik-Kodex zur gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens. Dort heißt es wörtlich: „Die Generali Gruppe erkennt grundsätzlich die moralische Verantwortung dafür an, einen Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft zu leisten, in der sie tätig ist.“ Als sich die GD im Bereich der gesellschaftlichen Verantwortung neu aufgestellt und 2008 den GZF eingerichtet hat, hat sie, neben den ganzen anderen feststehenden allgemeingültigen Zielen wie Nachhaltigkeit, Familienfreundlichkeit etc. auch ein Programm für einen sichtbaren Beitrag zur Verbesserung der Gesellschaft beschlossen, das unter dem Titel „Bürger unternehmen Zukunft“ und dem Motto „Der demografische Wandel – unsere gemeinsame Herausforderung“ in den nächsten fünf Jahren umgesetzt werden soll als ausdrückliches bürgerschaftliches Engagement des Unternehmens (corporate citizenship). Hauptziel dieses Programms ist die signifikante Steigerung des freiwilligen Engagements der älteren Generation, weil wir darin ein Potential für den gesellschaftlichen Wandel erkennen, der notwendig ist, um die unabsehbaren Folgen und Herausforderungen des demografischen Wandels besser abzufangen.

 

Und welche Rechtsform hat der Zukunftsfonds denn nun genau?

Der Vorstand hat ausdrücklich auf die Auslagerung in eine Unternehmensstiftung verzichtet und den GZF als reine Stabsabteilung direkt am Vorstandssprecher aufgehängt. Der GZF handelt also als Teil der GD mit eigener Handlungsvollmacht. Es gibt ein System der Entscheidungsfindung, das garantiert, dass sowohl der Personalchef als auch die Leiterin Unternehmenskommunikation in wesentliche Entscheidungen eingebunden werden, bei ganz großen Projekten (über 100.000 EUR) entscheidet der Vorstand selbst. Ansonsten haben die beiden Leiter des GZF freie Hand innerhalb eines jährlichen Budgets und einer vorgegebenen Strategie mit festgelegten Handlungsebenen und Instrumenten. Der besondere Vorteil dieser Form ist die fehlende Einengung durch das Gemeinnützigkeitsrecht – alles, was wir nicht als Spende zuwenden und bescheinigen lassen können, wird als betriebsbedingte Ausgabe geltend gemacht.

Der GZF erhält seine Mittel durch Beschluss der Hauptversammlung und kommt für alle seine Kosten auf (Personal- und Sachkosten, Förderungen und andere Ausgaben).

 

Letztlich stehen Sie also einer CSR-Abteilung vor, oder? Sie sehen Ihre Selbstständigkeit dadurch aber nicht eingeschränkt? Sie sprechen von Strategie, Handlungsebenen und Instrumenten – gibt es da einen Unterschied zu anderen CSR Programmen - gerade durch den Aspekt, den Sie „fehlende Einengung durch das Gemeinnützigkeitsrecht“ nennen?

De facto bin ich einem Abteilungsleiter gleichgestellt, de jure aber „nur“ Führungskraft. Habe noch nie mehr Selbständigkeit gehabt und auch noch nie ein so unterstützendes Umfeld im Unternehmen. Wir glauben, dass sich der GZF gewaltig von anderen CSR-Abteilungen unterscheidet, zumal wir weder der Unternehmenskommunikation unterstellt noch dem Marketing nachgeordnet sind, wie bei vielen anderen Unternehmen. Wir sind meilenweit von den im Unternehmensbereich noch immer vorherrschenden vorwiegend auf karitative Programme und Gießkannen-Spendenwesen ausgerichteten CSR-Projekten entfernt und wir führen auch selbst keine Großprojekte durch. Alle unsere Projekte werden von erfahrenen Partnern aus dem Bereich der Zivilgesellschaft in eigener Verantwortung, aber auch in Absprache mit uns verwirklicht. Zwei ungewöhnliche Handlungsebenen sind zum einen der Bereich der politischen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, auf die wir direkten Einfluss nehmen und wo wir gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren auf eine Verbesserung hinarbeiten. Zum anderen der Bereich Förderung der Engagementforschung, wo wir ebenfalls in enger Abstimmung mit Forschungseinrichtungen und anderen Partnern eigene Studien beauftragen und Promotionsstipendien vergeben, um die bisher bestehende große Wissenlücke im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements zu füllen. Dazu gehört auch die Förderung eines besseren Wissensmanagements. Auf den anderen drei Handlungsebenen tun wir das, was andere auch tun, nämlich gute Projekte fördern, Anerkennungskultur fördern über Preise und – last not least – betreiben wir eine systematische PR über Themen dieses Bereichs und Erfolge des GZF. Wir sind davon überzeugt, dass eine bessere Sichtbarkeit auch die politische Wichtigkeit und gesellschaftliche Attraktivität des bürgerschaftlichen Engagements fördert. Im Rahmen der Projekt-Förderung vermitteln wir nicht nur Geld, sondern auch gezielt Kompetenzen, die den geförderten Partnern mittel- und langfristig eine größere Unabhängigkeit vermitteln und wir sind auch auf eine immer bessere Vernetzung unterschiedlicher Partner bedacht.

Die Freiheit, auch unabhängig von Spenden zu arbeiten, ermöglicht uns, Studien zu beauftragen wie den engagementatlas09, den wir mit Prognos im November 2008 veröffentlicht haben oder den „Bericht zur demografischen Lage der Nation“, den wir mit dem Berlin Institut im März 2011 vorgestellt haben. Damit erreichen wir eine viel bessere Wirkung als mit allen anderen Mitteln.

 

Haben sich in der Praxis auch Nachteile der Rechtsform des Zukunftsfonds gezeigt?

Die Einbindung in den Konzern haben wir bisher als Vorteil wahrgenommen.

Nachteile sind noch nicht fühlbar, aber das steht im Rahmen unserer weiteren Entwicklung unmittelbar bevor: Wenn wir in Zukunft vielleicht unsere Kolleginnen und Kollegen zum Gehaltsabrunden  auffordern (die letzten Cents am Monatsende spenden) oder wenn wir demnächst aus einem Buch Autororenhonorare erzielen, dann entstehen Einnahmen, über die wir in der gegenwärtigen Form nicht selbst verfügen dürfen. Dazu überlegen wir gerade, eine Treuhand Stiftung einzurichten. Mit einer solchen könnten wir eine formelle Möglichkeit schaffen, Einnahmen zu erzielen und im Sinne unserer Ziele auch zu verwenden.

 

Wie sind Sie denn zu ihrer aktuellen Aufgabe gekommen und was begeistert Sie dabei am meisten?

Es gibt keinen Zufall: Ich habe mich durch meine berufliche und ehrenamtliche Erfahrung und durch persönliche Leistung dafür besonders qualifiziert und hatte dann zusätzlich Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

 

Begeistert bin ich von der überwältigenden Zustimmung der uns umgebenden zivilgesellschaftlichen Organisationen zu unseren Zielen und von den Möglichkeiten, den gesellschaftlichen Wandel zu beschleunigen. Und von der großen Kooperationsbereitschaft verschiedener Regierungen und Organisationen.

 

Wenn Sie einen Wunsch frei hätten: Was würden Sie sich für Ihren Zukunftsfonds wünschen?

Noch mehr Geld und noch mehr Partner. Ich träume von der Gründung einer nationalen Stiftung für Bürgerengagement.

 

Sie haben einen außergewöhnlichen Lebenslauf und beschäftigen sich mit Zukunft: Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen einen konkreten Rat für junge Menschen, die aktuell vor der Berufswahl stehen?

Ja: Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie am meisten interessiert und Spaß macht – alles andere lässt sich dann leicht gestalten (und ertragen). Und: Geld allein macht nicht glücklich, die Arbeit muss auch Sinn machen.

 

Lieber Herr Sittler, herzlichen Dank für das Gespräch.