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Dr. K. Jan Schiffer ist Wirtschaftsanwalt. Er berät seit 1987 vor allem Familienunternehmen, Stiftungen, Verbände, staatliche Stellen, …mehr

Heinz Mölder: Lesen bildet

Interview von Christoph J. Schürmann (10/2016)

Heinz Mölder, seit 1994 Vorstandsmitglied in der Sparkasse Neuss, verantwortlich für die Gesamtbanksteuerung und das Risikomanagement, die Marktfolge Kredit sowie die Kommunikation nach innen und außen, damit auch für sieben Sparkassenstiftungen mit 30 Mio. € Vermögensanlagen. Außerdem ist Herr Mölder selbst Stifter und Vorstandsvorsitzender der Kinderstiftung „Lesen Bildet“.

 

Sehr geehrter Herr Mölder, Sie sind nunmehr seit über 20 Jahren im Vorstand insbesondere für den Stiftungsbereich zuständig. Wie kamen Sie zu diesem besonderen Tätigkeitsfeld?

Vielleicht weil es in meinem Geburtsort Emmerich im Jahre 1364 zwei Schöffen und den finanzstarken Kanoniker Gerhard Cremer gab, die gemeinsam die erste Stiftung im heutigen Regierungsbezirk Düsseldorf gründeten? Viele Sparkassenvorstände arbeiten ehrenamtlich in Vereinen und Verbänden, es ist reine Freude, über so lange Zeit in so vielen Stiftungsvorständen im Rhein-Kreis Neuss Verantwortung übernehmen zu dürfen.

Gerade in den vergangenen zwei Dekaden ist es ja immer wieder zu Überarbeitungen des Stiftungs- und Gemeinnützigkeitsrechts gekommen, man denke etwa an die „große“ Reform in 2002 oder zuletzt das „Ehrenamtsstärkungsgesetz“. Auch aktuell wird über mögliche Änderungen diskutiert. Haben Sie nach Ihren Erfahrungen den Eindruck, dass sich die rechtlichen Rahmenbedingungen für Stifter und Stiftungen positiv entwickelt haben und gibt es ggf. aus Ihrer Sicht noch besonders verbesserungsbedürftige Punkte?

Den ersten Teil der Frage kann ich bejahen, in NRW gibt es Jahr für Jahr ja auch viele neu gegründete Stiftungen. Zum zweiten Teil der Frage: in Zukunft dürfte es wichtig werden, den Zusammenschluss von Stiftungen zu erleichtern und das Thema „Umwandlung bestehender (Kapitalerhaltungs-) Stiftungen in Verbrauchsstiftungen“ in den Focus zu nehmen und hier für Erleichterungen zu sorgen.

Ende 2014 haben Sie sich nun entschieden, über Ihre umfangreiche Vorstandstätigkeit hinaus auch eine „eigene“ Stiftung zu errichten: Die Kinderstiftung „Lesen Bildet“. Wie kam es zu diesem Entschluss und wie haben Sie diesmal selbst als Stifter die Vorbereitung und Gründung der Stiftung erlebt?

Anlässlich meines sechzigsten Geburtstages und mit Blick auf das herannahende berufliche Ende habe ich eine Familienkonferenz einberufen. Ich hatte das Glück in eine lesende Familie hineingeboren worden zu sein, das Lese-Gen habe ich dann weiter vererbt.

„Lesen“ und „Ehrenamt“ waren immer schon Thema: daher waren alle begeistert von dem Vorhaben, meine Ehefrau Bettina und meine Tochter Ulrike arbeiten sogar aktiv im Vorstand mit. Der Leiter des Stiftungswesens der Sparkasse Neuss komplettiert unser Vorstandsteam. Für die Erstellung der Satzung und die Genehmigungen durch die Bezirksregierung sowie des Finanzamtes haben wir dann auch nur sechs Monate benötigt.

„Lesen bildet“ – das ist gleichermaßen eine Feststellung als auch ein Appell, der vermutlich durch Ihre eigenen Erfahrungen geprägt ist. Finden Sie selbst bei Ihrem Arbeitspensum noch die Zeit zum Lesen?

Ja, natürlich viel zu wenig und hauptsächlich im Urlaub. Zurzeit lese ich mit großem Vergnügen „Ist das Kunst oder kann das weg“ von Saekrendt/Kittl.

Wie setzt die Kinderstiftung ihre Ziele in der Praxis um? Nennen Sie doch einige Beispiele aus der Stiftungsarbeit.

Als „Newcomer“ haben wir das Jahr 2015 genutzt, um uns bei 25 Vereinen und Stiftungen im Rhein-Kreis Neuss und der Landeshauptstadt Düsseldorf vorzustellen. Wir haben gefragt, wo Unterstützung benötigt wird. Bis Ende 2016 werden wir rund 17.000 € Spenden gesammelt und weitergegeben haben. Schwerpunkte sind die Aus- und Weiterqualifizierung von deutsch- und mehrsprachigen Lesepaten, der Kauf von Kinder- und Jugendbüchern für Stadtbüchereien und Vereine, die 3-12jährige Migranten, Geflüchtete und deutsche Mädchen und Jungen unterstützen.

Das ist für einen „Newcomer“ in der Tat beachtlich!

Die geringen Erträge auf dem Finanzmarkt belasten ja Stiftungen - insbesondere solche mit geringerem Grundstockvermögen - bekanntlich seit einigen Jahren erheblich. Aufgrund Ihres Berufes sind Sie naturgemäß noch mehr als andere Stiftungsvorstände fachlich prädestiniert, mögliche Lösungsansätze zu entwickeln. Wie erleben Sie die Auswirkungen der Krise bei im Stiftungsbereich? Auf welche Weise kann oder muss man dem Problem nach Ihrer Erfahrung begegnen?

Die Zinspolitik der EZB gefährdet nicht nur die Altersvorsorge der Bevölkerung, das Geschäftsmodell der Banken und Versicherungen, sondern leider auch die Stiftungen. Diese gehen jetzt durch ein Tal der Tränen, weil die Zinserträge wie Schnee in der Sonne schmelzen. Meine Prognose: wir Stiftungen werden Herrn Draghi überleben, müssen aber lernen, zu kooperieren. Konkret: die Sparkasse Neuss hat 7 eigene Stiftungen, betreut 17 Kundenstiftungen und hat bei der Gründung von 8 Bürgerstiftungen finanziell und personell mitgewirkt. Immer öfter lassen sich Projekte doch noch verwirklichen, wenn es uns in diesem Netzwerk von 32 Partnern gelingt, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Dabei geht es nicht immer nur um Geld, auch Zeitspenden oder know-how-Transfer führt zum Erfolg. Ich bin da sehr optimistisch.

Auch die Kinderstiftung lebt nach unserem Eindruck über das finanzielle Kapital heraus nicht zuletzt von dem Engagement vieler freiwilliger Mitstreiter (Netzwerkpartner, Botschafter…). Wie schwierig ist es nach Ihrer Erfahrung heutzutage, diese so wichtigen „Zeitspender“ zu gewinnen?

In der Tat: neben Geld- sind Zeitspenden wichtig. Ein aktuelles Beispiel: ohne unsere BotschafterInnen hätten wir die viertägige Präsenz beim Bücherbummel auf der Düsseldorfer KÖ in diesem Jahr nicht hinbekommen. Das gilt auch für unseren Netzwerkpartner „Mentor – Die Leselernhelfer Düsseldorf e.V.“. „Frühzeitig fragen und werben“ ist sicher hilfreich, um Zeitspender zu gewinnen.

Gerade bei kleineren Stiftungen, die auf ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind, wird auch das Problem der Nachfolge in den Stiftungsorganen oft unterschätzt. Wie gehen Sie mit dieser Thematik um? Wie wir sehen, haben Sie ja bereits mit Ihrer Tochter Ulrike Mölder die nächste Generation im Stiftungsvorstand „angelegt“.

Die Nachfolgeproblematik ist heute ein wichtiges Thema in vielen kleinen Familienstiftungen. Wir haben in unserer Satzung festgeschrieben, dass für den Fall, dass kein Familienmitglied meine oder die Arbeit meiner Tochter fortsetzen will oder kann, das Vermögen zu gleichen Teilen auf drei Sparkassenstiftungen übertragen wird. Das „Stiftungstestament“ ist also schon geschrieben.

Mit Blick auf den Nachwuchs zum Abschluss noch eine allgemeinere Frage, die mein Kollege Dr. Schiffer „traditionell“ gerne den hier interviewten Persönlichkeiten stellt: Haben Sie aufgrund Ihrer Erfahrungen einen konkreten Rat für junge Menschen, die aktuell vor der Berufswahl stehen?

Mein Rat setzt vorher an: Übernehmt früh Ehrenämter in Schulen und Vereinen, interessiert euch für viele, auch außerschulische Themen, lest viel, lernt und seid unendlich neugierig.

Sehr geehrter Herr Mölder, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!