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Dr. K. Jan Schiffer

Dr. K. Jan Schiffer ist Wirtschaftsanwalt und berät seit 1987 vor allem Familienunternehmen, Stiftungen, Verbände, staatliche Stellen, …mehr

Ralf Schnittcher: Vermögensmanagement insb. für Stiftungen in einem schwierigen Marktumfeld

Interview von Dr. K. Jan Schiffer (08/2014)

Ralf Schnittcher ist Leiter des Vermögensmanagements der Sparkasse Zollernalb, 37 Jahre alt, verheiratet und Vater einer Tochter. Sein Werdegang begann als Bankkaufmann bei der Dresdner Bank AG, führte über das Wealth Mangagement der Commerzbank AG in Bielefeld und des Bankhaus Reuschel in München, bis er im Zollernalbkreis unter seiner Leitung eine Private Banking-Einheit im Sparkassen-Sektor aufgebaut hat, die er bis heute leitet. Schwerpunkte seiner Tätigkeit sind -neben der Gesamtverantwortung für das Wertpapiergeschäft und der Anlagestrategie der Sparkasse- die Großkundenbetreuung und das Anlagemanagement von Stiftungen.

www.spkza.de/vm

www.ichstiftezukunft.de

 

Herr Schnittcher, wir haben uns bei einer Vortragsveranstaltung kennen gelernt. Dort haben Sie den bemerkenswerten Satz gesagt, dass Sie angesichts der schwierigen Marktsituation für Kapitalanlagen den Blick gerne auch auf die Naturalrendite lenken möchten. Was meinen Sie konkret damit?

Das Verständnis von Rendite ändert sich aktuell rasant. Die extrem niedrigen Zinsen lassen eine positive Rendite für konservative Kapitalanlage risikofrei nicht mehr zu. Daher suchen ein Teil unserer Kunden und auch wir als Sparkasse neue Verwendungen für das zur Verfügung stehende Kapital/Anlagevermögen. Eine Art von Naturalrendite ist für uns die Investition in Wissen – vor allem in das Wissen unserer Kunden zu ausgewählten Fachthemen, zu denen sie sonst keinen Zugang haben oder wofür sie einen hohen Aufwand betreiben müssten. Ein Beispiel sind eben externe Vortragsveranstaltungen zu Themen wie Testamentsvollstreckung und Stiftungen, die ich hier beispielhaft nennen möchte. Das so vermittelte Wissen ist aber eine unglaublich unterschätzte Rendite. Diese Investition hilft unseren Kunden und auch uns, zukünftig bessere Entscheidungen zu treffen. Das ist ein absoluter Mehrwert.

Das Engagement Ihres Hauses geht aber doch auch zu den genannten Themenbereichen sicherlich über Vortragsveranstaltungen hinaus?

Natürlich. Den Kundenwünschen folgend bieten wir Testamentsvollstreckung an und helfen bei der Stiftungsgründung. Da wir für unseren Landkreis etwas bewirken wollen, bieten wir hier ein Treuhandstiftungsmodell „Ich stifte Zukunft“ an. Dies ermöglicht fast allen Kunden sich mit einer Stiftungsidee zu beschäftigen und eine eigene Stiftung zu gründen.

Die Veränderung des Renditebegriffs sprachen Sie an. Passt das auch für Stiftungen, die ja für Ihre Zweckerfüllung fortlaufend auf passende Erträge angewiesen sind? Oder wie sehen Sie das dort?

Sicherlich eine der schwierigsten Fragen. Es kommt bei der Beantwortung natürlich sehr stark auf die jeweiligen Stifterwillen und die konkrete Stiftungsstruktur an. Bei Verbrauchstiftungen ist das natürlich nicht so brisant. Aber das niedrige Zinsniveau trifft alle Stiftungsformen und führt zu der Herausforderung, die Risiken der Kapitalanlagen mit dem „Ertragszwang“ der Stiftung in die richtige Balance zu bringen.

Gut gesprochen, aber wie kann das in der Praxis gelingen?

Wir haben eingangs von Naturalrenditen gesprochen, das heißt der Kapitalmarkt ist nicht zwangsläufig die einzige Quelle für Rendite. Auch die Instandhaltungsinvestition wirft Rendite ab, wenn sie nachhaltig Kosten in der Zukunft spart. Selbst die Entwicklung von neuen Betätigungs- bzw. Geschäftsfeldern ist bei einigen Stiftungen erkennbar. Immobilieninvestitionen für die Eigennutzung im Rahmen der Erfüllung des Stiftungszwecks und auch für die Vermietung sind zu sehen. Der Klassiker in Deutschland. Neben der Suche nach Rendite muss aber unbedingt das damit verbundene Risiko gesehen werden.

Welche Gefahren birgt die jetzt schon länger andauernde Niedrigzinsphase speziell für Stiftungen, die die von Ihnen genannten besonderen Möglichkeiten nicht haben und am Kapitalmarkt anlegen müssen?

Dadurch, dass der Anleger aktuell nur sehr eingeschränkte Möglichkeiten zur Anlage hat, ist die Gefahr einer „unkontrollierten“ Risikoerhöhung hoch. Die Kapitalmärkte suggerieren einen relativ risikolosen Ansatz, da für die Risiken am Kapitalmarkt aktuell wenig Rendite gezahlt wird. Ein Beispiel hierfür ist für mich, dass bonitätsstarke Unternehmen lieber Geld am Kapitalmarkt aufnehmen, als sich Fremdkapital bei den Banken zu besorgen. Durch das billige Geld der Notenbanken ist genügend Nachfrage nach vermeintlich sicheren Unternehmensanleihen im Markt. Erhöht man hier nun sein Risiko aus Ungeduld und dem „Zwang“ zu höheren Erträgen, kann ein böses Erwachen folgen.

Für mich sind die Investition in vermeintlich sichere Griechenland-Anleihen oder Nachranganleihen ein warnendes Beispiel aus der ganz jungen Vergangenheit.

Verstehe ich das richtig, dass Sie die doch zunehmend zumindest zur renditeerhöhenden Beimischung in einem Stiftungsportfolio genannten Unternehmensanleihen kritisch sehen?

Auffallend ist, dass das Risiko erhöht wird, ohne das die Risiken auf Sicht der nächsten Jahre bewertet werden. Wenn die Schwankungen am Kapitalmarkt ausbleiben, geht diese Strategie auf. Gibt es einen schnellen Richtungswechsel in der Notenbankpolitik bzw. bei der konjunkturellen Gesamtlage, drohen Kursverluste. Die hohe Nachfrage nach Unternehmen im unteren Investmentbereich und das zunehmende Interesse an Hybridkapitalanlagen (Nachranganleihen) erinnert schon sehr an die risikofreie Zukunftseinstellung der Anleger vor der hinter uns liegenden Finanzkrise rund um die Lehman Brothers- und Griechenland-Pleite. Wir werden es leider erst in der Zukunft sehen, ob alles das, was aktuell nachgefragt wird, auch ein profitables Investment war.

Wie kann man generell auf die veränderte Situation am Kapitalmarkt reagieren und somit die durch die Risikoerhöhung drohenden Fehler vermeiden? Haben Sie da ein Rezept?

Jeder Anleger muss sein Risikomonitoring (laufende Überwachung der Anlagen, Anpassung der Anlageklassen (Rebalancing) unterjährig etc.) verbessern. Die Risiken des Kapitalmarktes bleiben über Jahre herausfordernd. Wer die höheren Risiken akzeptiert und eingeht, hat mit einem guten Risikomanagement im Rahmen seiner Anlagerichtlinien gute Erfolgsaussichten. Wer an diesem Punkt unstrukturiert und nur situativ reagiert, wird höchstwahrscheinlich die Folgen eines Zinsanstiegs bzw. bei der Neubewertung von Risiken in Zukunft Schwierigkeiten bekommen.

Welche Erfahrungen haben sie dazu in der Praxis gemacht? Stiftungen müssen ja schließlich zur Erfüllung ihrer Zwecke Erträge erzielen und das nicht nur im 0,X%-Bereich. Stiftungen werden grundsätzlich zur dauernden und nachhaltigen Zweckerfüllung errichtet, wie es in § 80 Abs. 2 BGB heißt.

Die Risikobereitschaft steigt aktuell. Das geschieht nicht nur aus der Überzeugung der Anleger, sondern auch aus Mangel an rentablen Anlagealternativen. Aus meiner Sicht forciert die Niedrigzinspolitik drei Anlegerverhalten:

  1. Anleger akzeptiert Realzinsverlust (Inflation zehrt  Erträge und Kapital auf)
  2. Anleger erhöht Risiken bei begrenzter Ertragsaussicht
  3. Anleger kehrt dem Kapitalmarkt den Rücken und investiert z.B. in Immobilien, Konsum etc.

Alle drei Verhaltensmuster helfen der Politik die enormen Kosten der Schuldenkrise zu verteilen. Da wir hauptsächlich zu Anlagen am Kapitalmarkt gefragt werden, haben wir auch auf dieses Umfeld reagiert und überprüfen mit dem Kunden sehr genau seine Risikobereitschaft und den Risikogehalt von einzelnen Anlageklassen bzw. Anlageformen. Intern haben wir zudem Mindestanforderungen an Produktlösungen definiert – gerade auch für Stiftungen. Werden diese nicht erfüllt, nehmen wir dieses Produkt nicht in unser Angebot auf.

Das klingt spannend. Was heißt das konkret?

Gerne möchte ich das an einem Beispiel illustrieren. Wir streben für konservative Kapitalmarktprodukte, die je nach Stifterwille auch für Stiftungen geeignet sind, eine Mindestrendite von 2% p.a. an. Dieses Kriterium wird ergänzt um weitere Aspekte wie Laufzeiten etc.. Erfüllt eine Lösung dann aufgrund des aktuellen Kapitalmarktes dieses Kriterium nicht, kann es sein, dass wir für den konservativen Kapitalmarktanleger im aktuellen Kapitalmarktumfeld dann kein Produkt anbieten. Diese Mindestparameter schützen den Anleger vor nicht rentablen Entscheidungen in Bezug auf das eingegangene Risiko. Heißt aber auch, dass Disziplin und Geduld bei Kapitalmarktanlagen speziell im konservativen Kundensegment für uns eine übergeordnete Rolle spielen.

Durch die aktuelle Nullzinspolitik der Notenbanken kommen allerdings auch Überlegungen zu Verbrauchsstiftungen und Anfragen hinsichtlich der Wandlung in eine Verbrauchsstiftung in der Praxis eine spürbar höhere Bedeutung. Zudem werden vermehrt Gestaltungsspielräume (z.B. Umschichtungsrücklage) überprüft, um Handlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Aus alledem schließe ich, dass es für Stiftungen schwierig bleibt und es einen Königsweg nicht gibt. Es sind Lösungen für den konkreten Einzelfall erforderlich, die dann auch fortlaufend immer wieder zu überprüfen sind. Das bedeutet einen erheblichen Aufwand. Wie stellen Sie sicher, dass der in der Praxis tatsächlich geleistet wird – und das angesichts der unzähligen Presseartikel und Geschichten zu Fehlberatungen quer durch die Bankenwelt? Eine Bank und muss ja letztlich Geld verdienen.

Meine feste Überzeugung ist es, dass mit den jetzt vorherrschenden Rahmenbedingungen eine profitable Stiftungsberatung (alleine betrachtet) kaum zu erreichen ist. Die Geschäftsleitung eines Instituts muss diese Dienstleistung ausdrücklich wollen und die Gemeinnützigkeit hierin als existenziell für das Gemeinwohl sehen. Als regionaler Dienstleister sehen wir es als Investition in unser Lebensumfeld. Somit haben Kunden und Sparkasse von diesem Engagement einen unmittelbaren Nutzen, der mit Renditekennziffern nicht messbar ist.

Das Thema Fehlberatung wird erst wieder eine Rolle spielen, wenn dem Kapitalmarkt die Droge des billigen Geldes der Notenbanken entzogen wird und dadurch negative Kursbewegungen die bis dahin getätigten Anlagen unter Abwertungsdruck setzen. Somit kann die heutige Anlageentscheidung erst in ein paar Monaten/Jahren als erfolgreich oder weniger erfolgreich betrachtet werden. Klar sind zwei Punkte: Risiken am Kapitalmarkt werden aktuell nicht mit der nötigen Rendite bewertet und die Regulatorik im Bankensektor wird das qualitative Angebot für gute Beratung einschränken bzw. verteuern.

Ist da Honorarberatung ein Ansatz?

Ich bin bei dieser Art der Dienstleistung in Deutschland skeptisch. Ähnliche Angebote gab es auch schon vor der gesetzlichen Regelung und diese waren sehr begrenzt erfolgreich. Zudem ist die gelebte Unabhängigkeit je Beratungsangebot vermutlich sehr unterschiedlich. Der Gesetzgeber hat hohe Hürden und Anforderungen an das Angebot von Honorarberatungen gestellt, so dass hierdurch vorerst ein flächendeckendes Angebot nicht zu erwarten ist. Historisch kommen die deutschen Anleger aus der Welt der verprovisionierten Beratung und möchten gemäß diversen Umfragen auch keinen Kulturwechsel. In anderen EU-Ländern ist die Honrarberatung als Kultur etabliert, was die teilweise auf kuriosen Kompromissen ausgelegte EU-Gesetzgebung/-Regulatorik erklärt.

Abschließend möchte ich Ihnen gerne eine Frage stellen, die wir hier auf www.stiftungsrecht-plus.de fast immer an das Ende eines Interviews stellen: Auch heutzutage stehen junge Leute vor der wichtigen Frage ihrer Berufswahl. Welche Tipps können Sie diesen jungen Leuten für eine erfolgreiche Zukunft geben?

Der Bankensektor ist spannend wie nie, da im nächsten Jahrzehnt die etablierten Geschäftsmodelle von Banken einer Veränderung unterzogen werden müssen. Die extremen Wachstumsjahre der Branche sind vorbei, aber es ist und bleibt ein spannender Job, der umso mehr Talente braucht. Zudem wird es einen hohen Bedarf an kompetenten Berater/-innen geben, da auch hier die Demografie greift und durch die schon länger andauernde Niedrigzinspolitik Zukunftsfragen ganz neu stellt und diese neu  beantwortet werden müssen. Das gilt für die Privatperson hinsichtlich ihrer Altersvorsorge, für Stiftungen wie oben erwähnt, aber auch z.B. für Versicherungen und Pensionskassen.

Allgemein möchte ich unserem Nachwuchs gerne noch ein Zitat von Immanuel Kant mit auf den Lebensweg geben:

Der ziellose Mensch erleidet sein Schicksal, der Zielbewusste gestaltet es.“

Herr Schnittcher, herzlichen Dank für das Gespräch!