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Dr. K. Jan Schiffer ist Wirtschaftsanwalt. Er berät seit 1987 vor allem Familienunternehmen, Stiftungen, Verbände, staatliche Stellen, …mehr

16.07.2017Legal Tech in der Stiftungsberatung?

Von: K. Jan Schiffer

I. Fragen zur Zukunft der Beraterschaft

Es wird viel über die Zukunft der Beraterschaft gesprochen und geschrieben. Der 68. Deutsche Anwaltstag hat sich gerade nach einer fulminatnen Eröffungsrede  seines Präsidenten RA und Notar Ulrich Schellenberg dazu (AnwBl Online 2017, 378 ff.) ausführlich mit dem Thema befasst. (Siehe auch schon Verf. Stiftungsbrief 2017, 129.)

  • Wo geht es hin mit Legal Tech?
  • Wie soll man sich am besten aufstellen?
  • Welche Trends sind zu beachten?
  • Was konkret folgt für die aktuelle Beratungspraxis aus Legal Tech?

Diese und weitere Fragen stellen sich für Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Stiftungsberater, Unternehmensberater, … und das auch in der Stiftungsberatung.

II. Legal Tech als revolutionärer Ansatz?

Nicht wenige meinen, die Digitalisierung und konkret die „Legal Tech“ EDV-Technik sowie die daraus zwangsläufig folgende neue Organisation der Arbeitsabläufe werden die Rechtsberatung quasi revolutionieren und die ganze Branche verändern. Rechtsgeneratoren übernehmen anderenorts bereits Rechtsberatung, sie fertigen Verträge und auch Testamente (so auch Schellenberg, aaO., 378).Einige sehen die EDV-Fachleute deshalb schon als die zukünftigen Chefs der heutigen Beratungseinheiten.

Das sehe ich deutlich zurückhaltender. Einen konkreten Legal Tech-Ansatz habe ich schon vor langen Jahren erlebt (und kritisiert, BB 40/2003, Die erste Seite). Die einem Franchise-System angeschlossenen (jungen) Anwälte sollten gegen entsprechende Bezahlung ihre Schriftsätze nicht mehr selbst formulieren, sondern über eine Software „automatisch“ generieren. Für mich klang das damals ausgesprochen "strange". Das System hat dann auch nicht wirklich funktioniert. Es verschwand nach einem kurzen Sprint vom Markt.

Heute ist Legal Tech viel weiter. Die aktuelle Datenverarbeitung erleichtert den Zugang zu aktuellem Wissen ungemein und beschleunigt manches ganz erheblich. Wesentliches ist jedoch gleich geblieben, denn es gibt deutliche Grenzen von Legal Tech und besondere Anforderungen an die Beraterzunft.

III. Betrachtung für die Stiftungsberatung

Betrachten wir das Thema deshalb einmal für das Stiftungswesen und die Stiftungsberater. Da wird manches besonders deutlich, da die Stiftung (immer noch) auf ewig angelegt ist. Da braucht man einen weiten Blick und eine langfristige Perspektive. Ein solcher Blick passt kaum zu dem aktuellen Beschleunigungsdenken. Und auch nicht zu unserer schnelllebigen Zeit, in der eine Langzeitbetrachtung auf allenfalls drei Jahre befristet zu sein scheint.

Ich will jetzt nicht eine Langsamkeit als neue Beschleunigung propagieren. Ganz im Gegenteil: Ich sehe sehr wohl auch, dass wir künftig noch schneller entscheiden müsssen, um mit „Stiftung 2.0, 3.0, 4.0“ etc. mithalten zu können und nicht nur verspätet Entscheidungen nachzureichen, die in der Tendenz dann schon wertlos sind. Natürlich weiß ich nicht den alleinig „richtigen“ Weg für die Beraterzukunft. Einige Gedanken und Erfahrungen habe ich aber schon zu dem Thema.

1. Sachverhalt begreifen

Ausgangspunkt einer jeden Beratung, eines jeden Lösungsvorschlages ist und bleibt der konkrete Sachverhalt. Wir als Berater müssen in einem ersten Schritt den Sachverhalt wirklich begreifen, richtig durchblicken, verstehen und aufnehmen, um überhaupt konkret beraten und eine spezifische Lösung vorschlagen zu können.

Kennen wir den Sachverhalt nicht hinreichend, können wir letztlich gar nicht beraten, sondern allenfalls eine nicht (oder nur zufällig) passende Lösung „verkaufen“.

Wie soll vor deiserm Hintergrund gute Beratung funktionieren, wenn sie nur online oder per smartphone erfolgt? Wie außer in ganz simplen Fällen wird da sichergestellt, dass Fragender und Berater (hier: der Rechtsgenerator) von demselben und vom richtigen Sachverhalt ausgehen?

Außer in Routinefällen passen übliche Lösungen doch fast nie, denn der zu beratende Mensch ist eben üblicherweise nicht wirklich üblich, sondern als Person und mit seiner Familie sowie seinen Umständen eben letztlich spezifisch und individuell. Beratermoden und Standardmodelle helfen deshalb in aller Regel nicht wirklich weiter. (bedenkliches Motto: „Die Familienstiftung ist die Lösung!“)

Im ersten Schritt ist folglich noch immer und auch künftig der Sachverhalt gründlich zu recherchieren und zu begreifen. Wünsche  und Gedanken der Stifter sowie der Stifterfamilie sind zu erfragen. Das alles hat der Berater dann kritisch zu hinterfragen und fachlich zu überprüfen. Das erfordert alles einen echten und gründlichen Dialog mit und unter den Beteiligten. Kommunikation ist die Aufgabe! Da müsssen die Rechtsgeneratoren schon ganz hervorragend programmiert sein, um hier zu reussieren und das CVertrauen der Ratsuchenden in die Maschine zu gewinnen und zu rechtfertigen.

„Schnell statt gründlich“ heißt hier ganz oft automatisch falsch. Eine Stiftung ist eine typische „einmal im Leben“-Situation, deren Bedeutung für den Stifter und seine Familie kaum überschätzt werden kann. Dieser Gedanke ist ersichtlich noch erheblicher wird, wenn die Stiftung als Teil einer Unternehmensnachfolgegestaltung gefragt ist.

2. Konkrete und spezifische Lösungsvorschläge ableiten

In einem zweiten Schritt sind dann konkrete und spezifische Lösungsvorschläge gefragt. Dazu sind neben dem entsprechenden Fachwissen und entsprechender Erfahrung entgegen manchem Vorurteil in der Praxis („Machen wir es doch wie bei B.“) vor allem auch Kreativität und Phantasie erforderlich, denn die „Lösung liegt im Fall“ und bei den betroffenen Menschen. Mit ihnen gemeinsam ist die Lösung zu errabeiten (ausf. dazu Verf. Stiftungsbuch, § 11, A.). Das erfordert oft ganz neue Überlegungen und Innovationen. Dafür sind tragfähige Begründungen (siehe dazu etwa auch Verf. Stiftungsbrief 2017, …) zu suchen und festzuhalten und das nicht nur, aber etwa auch zur Argumentation gegenüber dem Finanzamt in späteren Jahren. Nein, auch und gerade für die eigene Überzeugung und die der Stifter- und Unternehmerfamilie sind tragfähige Begründungen unerlässlich.Alle Beteiligten müssen nachhaltig überzeugt werden und sein.

Das erfordert von dem eingeschalteten Berater auch ein (rechtsmethodisch) gründliches Arbeiten. Eine bejahende Nachfrage beim Finanzamt zu einer Steuerfrage etwa ist oftmals durchaus hilfreich, reicht aber eben zur Argumentation vor dem BFH Jahre später gerade nicht aus. Ein bloßes Überreden zu einer bestimmten Gestaltung wäre hier ersichtlich auch absolut fehl am Platze. Der Mandant (hier: der Stifter und seine Familie) sind „an die Hand zu nehmen“ (so ganz Plastisch, Schellenberg, aaO., 379).

3. Zeit und Wertigkeit der Dienstleitung

Natürlich weiß auch ich, dass mitunter (!) schnell entschieden werden muss, ab und an auch ganz schnell oder sofort. Das muss auf Kosten der an sich grundsätzlich gewünschten Gründlichkeit gehen. Die Kunst ist allerdings, zu merken, wann das wirklich erforderlich ist und wann eben nicht.

Die Zukunft für die Beraterzunft liegt nach alledem aus meiner Sicht nicht in Modellen und Trends, sondern in der gründlichen Bearbeitung des einzelnen Falles, in der entsprechenden Bearbeitung der  einzelnen Fragestellung, so „altmodisch“ das klingen mag. Darin müssen wir immer besser werden und uns entwickeln. Das kostet natürlich Zeit und damit auch Geld. Der „Billigheimer“ ist hier fehl am Platze: "You only get, what you pay for." Die Wertigkeit der Dienstleitung muss klar werden. Langfristig entlarvt sich ein Schnellschuss in aller Regel als nicht tragfähig und damit als zu teuer..

4. Und die voranschreitende Digitalisierung?

Zur Digitalisierung lese ich Sätze, bei denen ich mich immer frage, ob wir noch den Überblick haben. Antizipieren wir wirklich richtig, was da kommt?

„Ein Smartphone gehört zur persönlichen Standardausstattung.“

Ja, aber begeistert mich das wirklich? Habe ich das im Griff oder hat es mich im Griff?

„Digitalisierung bedeutet ein Mindset, also eine Denkweise.“

Ja, das verstehe ich. Aber ist das die grundsätzlich in jedem Fall die richtige Denkweise, die uns den Überblick behalten lässt?

„Die Gefahr ist, dass wir die Digitalisierung verpassen. Diese moderne Technologie bringt uns viele Vorteile.“

Ja, auch das sehe ich. Aber haben wir auch schon einen Überblick zu den Nachteilen? Kriegen wir die in den Griff?

Da erlaube ich mir doch ein ruhiges Hinterfragen. Angst, zu spät zu kommen, habe ich jedenfalls nicht. Ich werde noch viel nachdenken, was ich mitmache und was nicht. Zur Beratung und auch zur Stiftungsberatung beobachte ich immer wieder, wie wenig Methoden- und Problemlösungskompetenz vorhanden ist, auch wie viel Phantasie und Problembewußtsein selbst nach erfolgreicher Ausbildung ganz oft noch fehlt.

Da ist der Drang zur „Digitalen-Problemlösungsmaschine“ natürlich schon verlockend. Eine „Maschine“ produziert aber eben nicht ohne Weiteres die passenden Inhalte und Antworten, die im konkreten Einzelfall für Menschen und etwa Stiftungen gefragt sind, schon gar nicht, wenn die Maschine von einem Nichtkenner falsch und/oder unvollständig „programmiert“ worden ist. Klassische Beratung bleibt da erforderlich. Es kann aber sehr gut sein, dass sie digital unterstützt wird.

Das alles ist ein schier unendliches Feld mit ganz, ganz vielen Aspekten. Wir dürfen das Feld auch hier aus meiner Sicht dennoch nicht alleine den „Zukunfts-Spezialisten“ überlassen. Spezialisten haben, das ist ihre Natur, eben nur in ihrem (engen) Spezial-Fach den Überblick. Auch die Digitalisierung richtet sich aber  ebenso wenig wie das Leben oder auch nur ein einzelner Lebenssachverhalt für eine Stiftung nach nur einem Spezialistenfach. Die Digitalisierung betrifft uns alle und das umfassend, also werden wir bitte mitdenken und uns in die Diskussion einbringen.

IV. Schlußbemerkung

Die Digitalisierung macht vor keinen Lebensbereich halt – auch nicht vor dem Stiftungswesen. Legal Tech wird auch hier wirken. Man denke nur an eGovernment und Stiftungsbehörde. Aber natürlich schaue ich als „Sozialarbeiter des Rechts“, der mit und für Menschen an Problemlösungen arbeitet, wie immer mit Gottvertrauen und positiv in die Zukunft. Ich bin doch "kein Oberbedenkenträger von gestern"!