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Hans-Dieter Meisberger: Gründungsberatung und Vermögensanlage

Hans-Dieter Meisberger: Gründungsberatung und Vermögensanlage

Interview von Christoph J. Schürmann (03/2021)

Es gehört zur guten Tradition, dass  hier auch immer wieder Mitstreiter in der Stiftungswelt interviewt werden, die neben ihrem ehrenamtlichen Engagement auch beruflich im Stiftungswesen tätig sind. Wir setzen auf eine Vielfalt der Stimmen! Hans-Dieter Meisberger ist Leiter des Bereichs Stiftungen, Öffentliche Einrichtungen und NPOs im Private Wealth Management der DZ PRIVATBANK S.A., Region Süd; Vorstand der „Lörcher Stiftung für medizinische Forschung“ und Stiftungsratsmitglied der „Deutschen Palliativ Stiftung“.

Sehr geehrter Herr Meisberger, Sie sind Vorstand einer Stiftung und gleichzeitig in Leitungsfunktion für den Bereich Stiftungen, Öffentliche Einrichtungen und NPOs einer Privatbank tätig. Wie kam es zu Ihrem besonderen Engagement in diesem Bereich und insbesondere im Stiftungswesen?

Gemeinnützige Organisationen haben mich schon „von Kindesbeinen an“ interessiert. Ich fand hierin eine Möglichkeit, mich selbst ehrenamtlich zu engagieren. Zunächst in der ehrenamtlichen Jugendarbeit, dann als Projektleiter, mit dem Erwachsenwerden dann als Vorstand. Später ist dann alles ins Berufliche gewachsen, so dass ich heute glücklicherweise von mir sagen kann, ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Und das inzwischen schon seit über 40 Jahren.

Meistens ist ja heute das Internet die erste Anlaufstelle bei der Informationssuche von Stiftungsinteressierten. Sie betreuen auch eine Website mit dem prägnanten Titel „sogehtstiftung.de“. An wen richtet sich die Seite und was kann man dort finden?

Die Plattform www.sogehtstiftung.de richtet sich an alle Stiftungsinteressierte, also sowohl an Gründer als auch Stiftungsverantwortliche, die treuhänderische Verantwortung für ihr Handeln übernehmen möchten und sich mit diversen Themen aus dem Stiftungsmanagement beschäftigen. Hier finden sie erste Antworten auf Fragen zur Anlage von Stiftungsvermögen, Haftungs- und Pflichtverletzungsfragen, Öffentlichkeitsarbeit, zum Fundraising und Projektmanagement bis hin zur Rechnungslegung.

Neben gemeinnützigen Motivationen können Stiftungsinteressierte sich auch über Familienstiftungen oder Unternehmensstiftungen informieren, die eher durch privatnützige Zwecke geprägt sind.

Nicht erst seit „Corona“ gibt es bekanntlich ein ganz beherrschendes Problem für Stiftungen: Die fehlenden Erträge. Welche Ursachen und Reaktionsmöglichkeiten sehen Sie hier aus Ihrer Praxis?

Zunächst würde ich gerne den Begriff „Erträge“ genauer definieren. Wir kennen insgesamt vier mögliche Einnahmensphären bei Stiftungen, und zwar Einnahmen durch die Vermögensverwaltung (Zinsen, Dividenden und Mieteinnahmen), Einnahmen über den ideellen Bereich (Spenden, Zustiftungen etc.), Einnahmen durch Zweckbetriebe, sowie Einnahmen durch einen steuerpflichtigen Geschäftsbetrieb.

Wir stellen in unseren Gesprächen heute immer noch fest, dass viele Stiftungen und NPOs keine oder nur unzureichende Anlagerichtlinien haben. Das Vermögen ist dazu häufig zu defensiv und/oder konservativ ausgerichtet. Verantwortliche haben „Angst“ vor Anlagerisiken. Daher empfehlen wir zunächst eine Anlagestruktur festzulegen, die alle Gremiumsmitglieder (Vorstand und Stiftungsrat/Kuratorium) mittragen können. Ist der Vorstand selbst nicht in der Lage eine Anlageentscheidung professionell zu treffen, ist professionelle Hilfe gefragt. Beispielsweise über externe Vermögensverwalter. Auch wenn „Corona“ irgendwann besiegt ist, muss ich mir als Stiftungsvorstand Gedanken machen, wie ich das Vermögen der Stiftung ertragreich anlegen kann. „Ewigkeitsstiftungen“  sind im Gegensatz zu Verbrauchsstiftungen stärker prädestiniert in Sachwerte zu investieren, wie z.B. Aktien. Sie sind langfristig orientierte Anleger und können somit Teile des Vermögens z.B. in Dividenden- und Value-Aktien  investieren.

Stifter und Stiftungen sind ja durchaus unterschiedlich. Welche Fragen stellen sich den Verantwortlichen bei der Stiftung mit Blick auf den Einzelfall?

 „Was hat der Stifter durch seine Willenserklärungen, insbesondere das Stiftungsgeschäft, mir mit auf den Weg gegeben?“, ist eine spannende und entscheidende Frage. Oder: „Bin ich in meinem Ermessensspielraum frei zu entscheiden und lege Anlagerestriktionen fest, die auch zur Verwirklichung des Zwecks im Einklang stehen?“ Das Stichwort ESG, also „Environmental Social Governance“: Inwieweit sind ethisch-nachhaltige Anlagekriterien wichtig und umsetzbar? Wie ist das Verhältnis von liquiden Vermögen zu Sachvermögen?

Wir empfehlen immer eine Anlagerichtlinie zu konzipieren. Sie schafft Transparenz und Vertrauen für alle Stiftungsbeteiligte. Außerdem gilt: Kreativ sein! Sollten die Einnahmen aus dem Vermögen nicht ausreichend sein, würde ich dem Stiftungsvorstand nahelegen, sich ernsthaft mit dem Thema Fundraising zu beschäftigen, also dem Einwerben von Spenden. Die VolksbankenRaiffeisenbanken bieten beispielsweise für Projektfinanzierungen bereits ein geeignetes Tool an (www.viele-schaffen-mehr.de). Das ist inzwischen sogar die erfolgreichste Crowdfunding-Plattform eines Finanzanbieters. Es lohnt sich, dort einmal reinzuschauen und sich zu informieren.

Was ich zusammenfassend sagen möchte: Eine Stiftung einmal gründen und einfach so laufen lassen, ist keine gute Idee. Eine Stiftung benötigt immer Ressourcen und die Motivationen in den Gremien, die Stiftung weiter aufzubauen und auszubauen. Eine „Ewigkeitsstiftung“ hat in der Vergangenheit schon Schlimmeres erlebt als Corona und sollte auch so aufgestellt sein, dass Sie manchen anderen „Sturm auf hoher See“ übersteht und wieder in ruhiges Fahrwasser bringt. Es kommt auf die Mannschaft an, die das „Boot“, hier also die Stiftung, steuert.

Neben der Ertragsproblematik beobachten wir vermehrt, dass ehrenamtliche Stiftungsorganmitglieder mit den komplexen Aufgaben überfordert sind und letztlich auch – spätestens wenn die Stifter nicht mehr selbst zur Verfügung stehen – keine Nachfolger mehr für die Ämter gefunden werden. Kennen Sie solche Fälle und ggf. mögliche Lösungsansätze?

In der Tat mehren sich solche Fälle in den letzten Jahren. Wir hören uns zunächst die Bedürfnisse der Beteiligten an und gehen individuell auf die einzelnen Situationen ein. Ein klärendes Gespräch entlastet oft schon die „Überforderung“ und Dienstleistungen können durch „Geschäftsbesorgungsverträge“ auch zu externen Beratern oder sogenannten Stiftungsoffices delegiert werden und oftmals schon eine erste „Beruhigung“ schaffen.

Hinzu kommt, dass wir im Stiftungsmanagement der DZ Privatbank durch die Genossenschaftliche FinanzGruppe über ein großes Netzwerk verfügen. In Fällen wo der Stifter nicht mehr selbst zur Verfügung steht oder Organmitglieder verstorben sind, und die Kooption nicht umsetzbar ist, bieten wir nach Rücksprache mit der Genossenschaftsbank vor Ort an, Nachfolger für die Ämter zu berufen. Es gibt sogar Stiftungen, die bewusst in der Kooptionsregelung formuliert haben, dass die ortsansässige Genossenschaftsbank „Kreationsorgan“ sein soll, um die Besetzung der Organe zu organisieren. Sollte aber beides nicht zum tragen kommen, verfügen wir zusätzlich über ein überregionales Netzwerk zu gemeinnützigen Organisationen, Kanzleien und Treuhändern, wo wir beratend und koordinierend tätig sein können.

Die Zeit der „kleinen“ Stiftungen, die noch effektiv ihre Zwecke verwirklichen können, scheint jedenfalls auf absehbare Zeit vorbei zu sein – auch Stiftungsbehörden setzen inzwischen ihre grundsätzlichen Anforderungen an die Vermögensausstattung zur Anerkennungsfähigkeit herauf. Wie sehen Sie die Zukunft der Stiftung als Rechtsform und insb. auch die Treuhänderische Stiftung als Alternative?

Die Frage ist: Welche Motivation verfolgt eine Stifterin oder ein Stifter mit einer „kleinen Stiftung“?  Ich halte es für geboten und richtig, dass die Stiftungsbehörden eine Anforderung an die Vermögensausstattung zur Anerkennungsfähigkeit geben. Eine rechtsfähige Stiftung, die alleine als Förderstiftung oder Kapitalstiftung begründet ist, sollte als Zieldotation perspektivisch mindestens 1 Mio. Stiftungskapital aufweisen. Selbst bei einer konservativen Stiftungsvermögensanlage und positiv gerechnet, stehen hier zur Zweckverwirklichung dann maximal ca. 20.000 EUR Netto-Einnahmen aus dem Vermögen zur Verfügung. Es stellt sich die Frage: Reicht dies aus, um die festgelegten Zwecke und Verwaltungsaufwand zu bedienen? 

Wir empfehlen für „kleineres“ Vermögen die Sonderformen der Treuhandlösungen, die Zustiftung über einen Zustiftungsfonds oder Poollösungen als Stiftergemeinschaft. Hiermit können Stifterinnen und Stifter sehr schlank und unproblematisch ihrer „Motivationen des Gebens“ ebenfalls folgen. Mit einer Zustiftung oder Spende kann ich ebenfalls den Nachlass regeln und steuerliche Privilegien nutzen.  

Sollte die rechtsfähige Stiftung aber komplexes Vermögen per Testament, also von Todes wegen, erhalten, ist es legitim, zunächst eine „Vorratsstiftung“ oder „Anstiftung“ mit einem Grundstockvermögen von z.B. 100.000 EUR zu tätigen. Somit ist das „Fundament“ gelegt und der Stiftungsinitiator kann rechtssicher sein Testament gestalten und seine Vermögensnachfolge regeln. Wir empfehlen daher immer zu Lebzeiten den „Grundstein“ in der Stiftung zu begründen. Denn auch hier haben wir in der Vergangenheit Fälle erlebt, wo die Stiftungsgründung von Todes wegen, etwa durch Formfehler im Testament, von der Behörde nicht genehmigt wurde.

Mit Blick auf die nähere Zukunft steht aktuell (Februar 2021) eine umfangreiche Reform des Stiftungszivilrechts an – kürzlich wurde der Regierungsentwurf vorgelegt. Die Stimmen aus Wissenschaft und Praxis sind dazu überwiegend skeptisch bis ablehnend. Haben Sie schon Gelegenheit gehabt, sich mit den geplanten Änderungen zu befassen? Wie beurteilen Sie das Vorhaben aus Ihrer Sicht?

Eine Reform des Stiftungszivilrechts ist „überfällig“ und wir begrüßen den Regierungsentwurf. Dennoch sind auch Nachbesserungen von Nöten. Der Regierungsentwurf greift wesentliche Reformziele des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen auf, wie z.B. ein einheitliches bundesweites Stiftungsrecht, Verbesserung bei Satzungs- und Strukturänderungen, die Konzeption und Implementierung von Business Judgement Rules und die Umwandlung von einer „Ewigkeitsstiftung“ in eine „Verbrauchsstiftung“, sowie ein einheitliches bundesweites Stiftungsregister mit Publizitätswirkung. Dadurch, dass die bislang vorgesehene Satzungsstrenge aus dem Gesetzestext gestrichen wurde, kommt die Auslegung des Stifterwillens eine stärkere Bedeutung zu. Stiftungen, die „in Not sind“, bekommen mehr Flexibilität. Das hilft in der jetzigen Niedrigzinsphase und schafft Freiräume, um die Stiftung neu aufzubauen und/oder die Zweckverwirklichung und den Kapitalerhalt in Einklang zu bringen. Die Themen Zu- und Zusammenlegung, Umwandlung in eine Verbrauchsstiftung, wenn keine ausreichenden Erträge für eine nachhaltige Zweckerfüllung mehr gegeben sind, werden ebenfalls in dieser Reform behandelt. Nachbesserungen sind in folgenden Bereichen notwendig:

  • Stifterinnen und Stiftern sollte zu Lebzeiten Möglichkeiten gegeben werden, Stiftungszwecke in den ersten Jahren auf ihre Bedürfnisse anzupassen;
  • es sollte auch die Möglichkeit geben, Stiftungen auf Zeit zu begründen;
  • Zweckanpassungen sollten entsprechend dem Stifterwillen erleichtert werden;
  • Satzungsänderungen für bestehende Stiftungen sollten einfacher möglich sein, solange der Stifter bzw. die Stifterin lebt.

Wir blicken diesem positiv entgegen und freuen uns auf die zukünftigen Stiftungsberatungsgespräche.

Abschließend noch eine etwas allgemeinere Frage, die wir hier auf stiftungsrecht-plus.de fast immer an das Ende eines Interviews stellen: Auch heutzutage stehen junge Leute vor der wichtigen Frage ihrer Berufswahl. Welche Tipps können Sie diesen jungen Leuten für eine erfolgreiche Zukunft geben?

Zunächst würde ich Schulnoten nicht überbewerten, sondern neben dem schulischen Alltag auch Gelegenheiten nutzen, seine Talente zu testen, etwa durch Praktika. Am besten über den sogenannten „Tellerrand“ hinausschauen und auch mal um die Ecke denken. Ich verstehe darunter, sich mit Berufsfeldern auseinanderzusetzen, die einem fremd sind. Dafür ist es zwingend notwendig immer neugierig zu sein und zu bleiben, um seine Interessen selbst besser kennen zu lernen.

Und „last but not least“…nicht immer auf die Eltern hören, was die wollen. Sondern selbst bestimmend seinen beruflichen Weg zu finden und zu gehen, der Spaß macht. Dazu zählen auch heute noch kreative, soziale oder wertschätzende Berufe. Mancher Handwerker hat sich durch Fleiß, Qualität, Ehrgeiz, Freundlichkeit und Berufung einen „goldenen Boden“ erschaffen!

Sehr geehrter Herr Meisberger, haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch!

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