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Peer Helge Salström-Leyh: 20 Jahre Stiftung Leuchtfeuer

Peer Helge Salström-Leyh: 20 Jahre Stiftung Leuchtfeuer

Interview von Christoph J. Schürmann (03/2021)

Peer Helge Salström-Leyh begann sein Berufsleben als Kapitän in der Berufsschifffahrt, bevor er vor über 30 Jahren in die Jugendsozialarbeit wechselte. Er lebt mit seiner Ehefrau und vier Kindern in Estland. Im Jahr 2001 errichtete der Stifter Salström-Leyh die Stiftung Leuchtfeuer als gemeinnützige Stiftung zur Förderung von Bildung, Ausbildung, Erziehung und Rehabilitation mit Sitz in Köln, die seitdem als Jugendhilfe-Einrichtung bundesweit und im europäischen Ausland tätig ist. Später folgten auch Partnerstiftungen in Estland, Norwegen, Schweden, Litauen und Finnland. Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums der Stiftungserrichtung im Jahr 2021 hat Christoph J. Schürmann ihn interviewt.

Lieber Herr Salström-Leyh, wir kennen uns über die Stiftung Leuchtfeuer auch schon einige Jahre. Bei der Gründung der Stiftung war ich aber nicht dabei. Erklären Sie uns doch einmal, was die Stiftung macht und wie Sie seinerzeit darauf gekommen sind, die Stiftung zu errichten.

Die Stiftung betreut im Auftrag der Kommunen Kinder, Jugendliche und ihre Familien in schwierigen Lebenslagen. Hier besonders Menschen, die durch die herkömmlichen Hilfsangebote nicht erreicht werden oder deren Bedarf durch die klassischen Jugendhilfe-Maßnahmeformen nicht erfüllt werden kann.

So einfach, wie es rückblickend erscheint, war die Gründung tatsächlich nicht. Es galt viele Aspekte  abzuwägen und sich zu entscheiden. Das schon seit dem Jahre 1993 bestehende Einzelunternehmen sollte zukunftsfest gemacht werden. Gleichzeitig stand die Frage der Gemeinnützigkeit im Raum. Mein Einfluss und der Einfluss meiner frisch gegründeten Familie sollten auch erhalten bleiben. Etwa 1998 begannen meine Überlegungen, bis zur Gründung dauerte es dann noch bis 2001.

Sie sprechen an, dass sich die Stiftung gerade solcher Kinder und Jugendlicher annimmt, denen durch herkömmliche, klassische Maßnahmen nicht effektiv geholfen werden kann. Können Sie Beispiele nennen, wie sich der Ansatz und die Arbeit der Stiftung Leuchtfeuer von herkömmlichen Jugendhilfemaßnahmen unterscheidet?

In der Hauptsache bietet die Stiftung Leuchtfeuer zwei recht unterschiedliche Maßnahmeformen an.

Den größeren Teil bilden die bundesweiten Angebote für junge Menschen, die bei einer Leuchtfeuerfamilie wohnen und ihre Ursprungsfamilie verlassen haben. Hier betreuen ausgebildete Pädagogen in ihrem eigenen Haushalt exklusiv jeweils ein Kind. Das Kind und die Leuchtfeuerfamilie werden engmaschig durch aufsuchende Fachbetreuer begleitet und beraten. Etwa 2 % aller jungen Menschen in Deutschland erhalten staatliche Unterstützung in verschiedensten Formen. Hiervon wiederum 1-2 % benötigen eine so intensive Unterstützung, wie wir sie anbieten. Dabei ist die Stiftung Leuchtfeuer nur ein Anbieter unter vielen. Durch die Teilnahme an einer wissenschaftlichen Studie wissen wir, wie erfolgreich wir mit unserer Arbeit sind.

Ich fand aber schon sehr früh, dass wir auch im vorbeugenden Bereich aktiv sein sollten und nicht erst, wenn die Perspektive sich eingetrübt hat. Deshalb haben wir vor vielen Jahren ein aufsuchendes Angebot gemeinsam mit der Stadt Köln entwickeln dürfen. 

In Köln und einigen weiteren Städten mit einer Niederlassung der Stiftung Leuchtfeuer besuchen hochqualifizierte Pädagogen, in der Regel mit einer therapeutischen Zusatzausbildung,  Ursprungsfamilien mit ihren Kindern. Die Herausforderungen für unsere Mitarbeiter können in diesem niedrigschwelligen Feld sehr vielfältig sein, deshalb versuchen wir uns auf definierte Fallkonstellationen zu beschränken und mittels der dafür besonders ausgebildeten Mitarbeiter auch hier für den Klienten überdurchschnittliche Ergebnisse zu erreichen.

Die Stiftung hatte mit dem „Algarve Projekt“ ja eine Vorläuferin. Wie kamen Sie denn ursprünglich zu diesem Projekt. Wie ich weiß, sind Sie eigentlich Kapitän und haben später noch Sozialpädagogik studiert.

1986 wurde ich als Urlaubsvertretung auf dem Segelschiff „Undine von Hamburg“  engagiert. Daraus wurden sieben Jahre Mitarbeit im Jugendhilfeträger „Sozialarbeit & Segeln e.V.“.  Die dort gesammelten Erfahrungen und vor allem die Prägung durch meinen Chef Klaus Freudenhammer waren entscheidend für den späteren Erfolg des eigenen Unternehmens. 1993 erfolgte die Gründung des Unternehmens „Algarve Projekt“ als Experiment. Hier konnte ich meine eigenen pädagogischen Ideen und Konzepte verwirklichen. Mit dem Erfolg entstand dann bald der Druck, eine nachhaltige Unternehmensform zu finden.

Klaus Freudenhammer gilt als einer der wegweisenden Erlebnispädagogen in den 1980er und 1990er Jahren, Sie bezeichnen ihn auch als Ihren Mentor. Können Sie uns etwas Näheres zu dieser Persönlichkeit und deren Wirkung auf Ihre Arbeit berichten?

Klaus Freudenhammer zog mich von Anfang an in seinen Bann. In den ersten Jahren als Reibungsfläche meiner etwas ungeschliffenen pädagogischen Ansichten, mehr Ringelnatz als Pestalozzi. In vielen Gesprächen und auf vielen Reisen hatte ich das Glück, ihn besser kennenzulernen und vor allem besser verstehen zu lernen. Vermutlich habe ich ihm nicht wenig Mühe bereitet mit meinen Fragen, Zweifeln und Prinzipien. Dabei war er alles andere als ein weltfremder Pädagoge und mit seiner Liebe zu den Schiffen und dem Meer mir nicht unähnlich.

Wie hat sich die Stiftung Leuchtfeuer in den vergangenen 20 Jahren entwickelt?

Nach der rasanten Wachstumsphase des Einzelunternehmens verläuft die Entwicklung der Stiftung Leuchtfeuer ruhiger. Die steigende Mitarbeiterzahl erfordert ständig eine Anpassung der Strukturen. Die weitere geografische Ausdehnung und die Einführung neuer Produkte führen zu einem mehr organischen Wachstum. Unsere Angebote haben ihren experimentellen Charakter verloren und sind mittlerweile in den Bereich der vom Gesetzgeber und den Kommunen anerkannten Hilfen hineingewachsen. Wir haben an einer Reihe von Evaluationen teilgenommen und haben in diesem schwierigen Segment eine überdurchschnittliche Erfolgsquote.

Es sind auch eine ganze Reihe europäischer Partnerstiftungen hinzugekommen. In welchen Ländern ist die Stiftung Leuchtfeuer mittlerweile so vernetzt? Und wie erleben Sie die Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg?

In Skandinavien und im Baltikum sind in den letzten zehn Jahren weitere Stiftungen entstanden, die jeweils in der Landessprache „Leuchtfeuer“ heißen. Sie sind unabhängig und nach dem dortigen nationalen Recht gegründet. Die technische Brücke bildet eine von den Stiftungen gegründete Europäische wirtschaftliche Interessengemeinschaft namens „Interpharus“. Die inhaltliche Brücke zwischen den Stiftungen wird durch die Menschen gebildet. In den Gremien aller meiner Stiftungen arbeiten deshalb auch Menschen aus anderen Leuchtfeuerstiftungen. Wir laden alle Ebenen unserer Mitarbeiter zu europäischen Begegnungen ein. Der fachliche Austausch und der Blick über den Tellerrand werden von den Teilnehmern geschätzt und sind nicht Teil eines EU-Programms. Es wird von den Stiftungen und den Teilnehmern selbst finanziert. Den jungen Menschen versuchen wir mittels eines Sommerlagers eine Reise ins Ausland und die Begegnung mit anderen Kindern zu ermöglichen. Hier geht es dann um Sport- und Freizeitaktivitäten.

In der Zeit seit der Stiftungsgründung gab es doch sicher einige ganz besonders wesentliche Punkte. Welche würden Sie da nennen?

Da fällt mir die Antwort schwer. Besonderes Kennzeichen der Stiftung war immer die Dynamik mit welcher wir uns verändert und weiterentwickelt haben. Mit Wagemut und Zuversicht gehen wir die Dinge an und vertrauen auf die Einsatzfreude und Kompetenz der Mitarbeiter.

Was ist aus Ihrer Sicht entscheidend für den Erfolg der Stiftung, die heute über Köln hinaus zahlreiche Menschen an den verschiedenen Standort beschäftigt?

Kinder, Eltern und Ämter schätzen unseren pädagogischen Ansatz. Wobei jede dieser Gruppen individuell angesprochen sein möchte. Wir haben eine beachtliche Erfolgsbilanz und investieren laufend in die Fortbildung aller Mitarbeiter. Die Mitarbeiter fühlen sich wohl mit der  Vielfalt der Methoden, der Möglichkeiten und der Kreativität, mit der bei uns gearbeitet werden kann.

Und was sind aus Ihrer Sicht wichtige zukünftige Aufgaben mit Blick auf die Stiftung?

Der soziale Sektor in Deutschland setzt jährlich etliche Milliarden Euro um. Dabei unterliegt er noch nicht vollständig den Wettbewerbsregeln der EU. Das wird nicht immer so bleiben und darauf müssen wir uns so früh wie möglich einstellen. Ich erwarte in der Zukunft einen wachsenden Druck zur Konzentration in unserer Branche. In einigen Nachbarländer konkurrieren wir bereits mit börsennotierten Konzernen. Als „Tante Emma Laden“ müssen wir uns fragen, welchen Platz wir da noch haben werden.

Wir sind ein gesellschaftlicher Reparaturbetrieb, wie Klaus Freudenhammer es  nannte. Unsere Auftraggeber sind die Kommunen, rechtlicher Handlungsrahmen ist das Sozialgesetzbuch. Wie bringen wir dieses Korsett in Übereinstimmung mit den Anforderungen, die uns unsere Klienten stellen? Wir sehen eine wachsende Anzahl von jungen Menschen mit pädagogischen und medizinischen Herausforderungen, für die weder die Krankenkasse noch das Jugendamt eine übergreifende Lösung findet. Dafür wollen wir Angebote bereitstellen.

Bei der Stiftung sind wir gerade dabei den Generationenübergang zu meistern, sozusagen auf der Zielgeraden. Dies betrifft jedoch nicht nur den Stiftungsvorstand sondern alle Ebenen der Stiftung, da viele Mitarbeiter in den nächsten Jahren in den Ruhestand gehen werden. Ich habe als weiteres Ziel die Digitalisierung in der Stiftung voranzutreiben. Für unsere Dokumentation und Evaluation wird die Einführung von moderner Software erforderlich sein. Ich lebe in Estland und sehe täglich, wie weit Deutschland in dieser Kategorie zurückgeblieben ist. In zweieinhalb Jahren habe ich die satzungsgemäße Altersgrenze im Stiftungsrat erreicht. Bis dahin soll ich mich entbehrlich gemacht haben.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Familie  auch in nachfolgenden Generationen Aufgaben bei der Stiftung übernimmt?

In einer  Mehrheit der Unternehmen in Deutschland sind der Gründer und seine Familie direkt oder indirekt an der Führung beteiligt. Es ist ein Erfolgsmodell, wie sich allenthalben zeigt. Über einen Familienrat möchte ich meine vier Kinder an die Arbeit der Stiftung heranführen. Bis auf meinen ältesten Sohn, der in Deutschland lebt, sind sie noch minderjährig und noch nicht besonders involviert. Ich möchte es ihnen nicht überstülpen, sondern Zugang und Einsicht in die Zusammenhänge als Angebot verstanden wissen.

Da wünsche ich viel Erfolg! Abschließend liegt nach Ihrer letzten Antwort die Frage besonders nahe, die wir hier auf www.stiftungsrecht-plus.de fast immer an das Ende eines Interviews stellen. Auch heutzutage stehen junge Leute vor der wichtigen Frage ihrer Berufswahl. Welche Tipps können Sie diesen jungen Leuten für eine erfolgreiche Zukunft geben?

Wählt einen Beruf der Spaß und Freude verspricht, dann wird es vielleicht Eure Leidenschaft.  Der Erfolg bleibt dann nicht aus. Selbstbestimmung kann ein Motor sein. In Norddeutschland sagt man: „Lieber ein kleiner Bauer als ein großer Knecht“. Verändert Euch, wenn die Freude ausbleibt!

Mein Kanzleipartner Jan Schiffer war ja als Berater schon seit den Anfängen der Stiftung dabei und hat so vielleicht einen besonderen Blick auf die letzten Jahrzehnte. Deshalb frage ich ganz abschließend auch ihn zur Stiftung Leuchtfeuer: Jan, was denkst Du, wenn du dieses Interview liest?

(K. Jan Schiffer): Zunächst bin ich einmal dankbar, dass ich die Stiftung vor über 20 Jahren bei der Gründung mit begleitet habe. Außerdem freue ich mich sehr über den anhaltenden Erfolg und die nachhaltige Tätigkeit der Stiftung. Zudem bin ich sehr froh, dass ich die Stiftung heute noch begleiten darf – und das zum Teil auch ehrenamtlich im Vorstand des Stiftungskuratoriums.  Bei der Stiftung finde ich immer wieder eine gelungene Kombination aus professioneller Tätigkeit engagierter Menschen und sich absolut lohnender Aufgaben, vor allen Dingen in der Jugendhilfe. Die Jugend ist unsere Zukunft. Da dürfen wir keinen zurücklassen. Das schafft durchaus Momente der Zufriedenheit und Freude. Erwähnen möchte ich ihr aber auch, dass ich über all die Jahre bei der Stiftung sagenhaft nette Menschen getroffen habe. Ich freue mich jedes Mal wieder, wenn ich sie treffe. Nicht nur der Zufriedenheitsfaktor ist bei der Stiftung Leuchtfeuer groß, sondern auch der Spaßfaktor.

In diesem Sinne: Lieber Herr Salström-Leyh, lieber Jan, vielen Dank für dieses Gespräch!

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